Ich weiß nicht, ob mir irgendwer dieses Gefühl nachempfinden kann. Das Gefühl alles zu können. Allerdings alles auch wieder nur ein bißchen. Beispiele?
Ich spiele Schach. Recht passabel. Aber wenn ich online gegen Gegner spiele, die so alt wie ich sind und ein Rating von 2000 und mehr haben (eigenes Rating 1600), dann verliere ich eigentlich regelmäßig. Es liegt noch nicht mal daran, dass ich grobe Fehler mache, es ist viel mehr die Tatsache, dass mir der Plan für eine komplexe Strategie im Schach völlig abgeht. Ich denke so zwei, drei Züge im Voraus und habe auch hier und da nen Plan, aber so richtig gut, ist es eben nicht. Es reicht wohl aus um 50 oder mehr Prozent der anwesenden Spieler zu schlagen. Für mehr auch nicht.
Ich kann gut mit Computern. Keine Frage, ich habe so manchen PC schon nächtelang auseinander genommen und wieder zusammen gebaut. Habe Betriebssyseme installiert, Fehler gesucht, Platten gewechselt, all den Spaß. Mehrmals. Doch als Computerexperte würde ich mich nie bezeichnen. Ich sehe mich als fortgeschrittenen Anwender, aber wenn ich mir dann Freunde, Bekannte oder Forenbesucher ansehe – da werd ich ganz schnell weich und fühl mich saublöd.
Gleiches Thema – andere Baustelle
Autos. Ich kann gut mit Autos. Die erinnern mich immer an Lego oder so. Man kann an ihnen basteln, schrauben, Dinge aus und einbauen und sonst so allerlei machen. Da kenne ich mich auch etwas aus. Ich kann Zündkerzen wechseln, weiß wo welche Flüssigkeit rein muss. Bremsbeläge und Sitze ausbauen und auch das Radio in Gang bringen. Ja, sogar blaues Licht habe ich mir schon mal in nen Tacho gebaut. Doch dann kommt ein Bekannter von mir, erzählt mir was von hier und da, Ventildeckeldichtung und dem Unterschied zwischen ner Endstufe und nem Verstärker und ich sitz daneben und bekomme schon wieder das Gefühl keine Ahnung zu haben.
Ähnlich geht es mir im Volleyball. Das kann ich auch. Ganz passabel. Aber eben nicht wirklich richtig gut. In meinem erweiterten Bekanntenkreis kenne ich bestimmt 10 Leute, die das besser können, als ich. Meine Fehlerquote ist immernoch zu hoch, die Bälle landen nicht immer da, wo sie sollen etc. pp. Und auch hier habe ich öfters das Gefühl, dass ich eigentlich kaum etwas weiß bzw. kann.
Weitere Beispiele?
Fußball. Ich kenn mich da aus. Ehrlich. Interssiert mich ja auch. Die Eintracht ist mein Steckenpferd. Ganz klar. Doch wenn ich dann mein Tippspiel sehe, da liege ich auf dem letzten (!) Platz. Dafür reicht mein Sachverstand dann doch nicht aus. Ebenso, wenn ich mit Feunden Fußball schaue. Da gibt es den einen oder anderen, da sage ich gar nix mehr, weil der mich in puncto Wissen einfach an die Wand quatscht.
Dann ist da noch das Schreiben. Ich schreibe gerne. Ich wäre gerne Schriftsteller. Problem. Keine Ideen und, wenn ich das mal so sagen soll, ich mag meinen Stil nicht so gerne. Mir fehlt einfach was, was andere Leute auszeichnet. So ein gewisser Wortwitz, den ich im Alltag und in Gesprächen immer parat habe, bei Schreiben fehlt er mir fast völlig. Auch sehe ich andere Blogs an und wünsche mir, ich könnte so gut schreiben. Dafür, dass ich evtl. in den Journalismus oder in den PR-Berich will – dafür ist es eigentlich zu wenig.
Auch ein schönes Beispiel ist Heimwerken. Das kann ich auch ganz gut, aber ab einem bestimmten Punkt ist dann Feierabend. Kacheln an die Wand bringen habe ich zwar schonmal gemacht, aber ob ich das nochmal hinbekomme? Ich glaube nicht. Laminat verlegen? Noch nie gemacht. Würde es mir zutrauen, aber ob das was wird? Klar, ich habe meiner Mum ne Küche gebaut. Ich habe keine zwei linken Hände und bin da recht begabt, aber auch hier gibt es Menschen, die das nicht professionell machen (mit denen braucht man sich nicht zu messen) und wo ich trotzdem daneben stehe und Bauklötze staune.
Und es gibt noch viele weitere Dinge in meine Leben, die ich einfach nur ein bißchen kann.
Autofahren. Singen. Tanzen. Physik & Mathe. Filmwissen. Bierzapfen. Kellnern. Gescheites Benehmen. Frauen verstehen. Politik. Finanzen. Allgemeinbildung. Poker.
Mir hat mal eine Dozentin im WiPäd-Seminar gesagt, ich könnte ein guter Lehrer sein, aber ich wäre zu oberflächlich. Mir fehlt die Tiefe in meinem Wissen. Und ich sage Euch was. Sie hatte Recht. Mir fehlt die Tiefe. Ich höre an einem bestimmten Punkt auf mich für Dinge zu interessieren. Ich habe das Gefühl in allem nur Durchschnitt zu sein. Größe, Gewicht, Aussehen, Charakter, Talent.
Ich kann eben alles und ich habe von allem etwas. Aber eben nur ein bisschen. Und da stellt sich doch ganz zwangsläufig die Frage: Was will ich mal machen, wenn ich groß bin? Ich beneide Menschen, die eine Bestimmung gefunden haben. Ich habe noch keine…